Auf der Flucht in ein neues Leben
Interview mit Tanja Kobe weiter unten
Ich bin im damaligen Jugoslawien, in Bosnien, aufgewachsen. Als ich zehn Jahre alt war, brach der Bürgerkrieg aus. Von einem Tag auf den anderen wurde das Leben, wie wir es kannten, zerstört. Mein kleiner Bruder und ich waren zeitweise ohne unsere Eltern bei Verwandten untergebracht. Wir zogen immer wieder weiter – auf der Suche nach einem Ort, der sicherer war als der letzte.
Mit zwölf Jahren flüchteten wir schließlich als Familie nach Deutschland. Nach Unterschleißheim – ein Ort, der später zu meiner neuen Heimat werden sollte. Als ich den Ortsnamen zum ersten Mal las, dachte ich nur: „Mein Gott … dieses Deutsch werde ich niemals lernen.“
Wir kamen bei meiner Tante unter und lebten zu zwölft in ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung. Vier Tage nach unserer Ankunft saß ich bereits in der Schule – in der sechsten Klasse der Hauptschule. Ich konnte kein Wort Deutsch. Naja … außer „Bruder Jakob“ und bis zehn zählen.
Die ersten Jahre waren schwer. Sie waren geprägt von Heimweh, Unsicherheit und dem Gefühl, ständig überfordert zu sein. Aber sie waren auch geprägt von Menschen, die mir Mut machten: eine freundliche Sachbearbeiterin im Rathaus, meine Klassenlehrerin, meine „Deutsch für Ausländer“-Lehrerin – und viele wunderbare Freundschaften, die bis heute bestehen.
Gleichzeitig war es eine schwierige Zeit des Erwachsenwerdens. Eine Zeit, in der ich mich manchmal am liebsten vor Scham versteckt hätte. Zum Beispiel, wenn alle ins Schullandheim fahren konnten – ich aber nicht, weil wir es uns nicht leisten konnten. Wenn meine Freundinnen mir stolz ihre eigenen Zimmer zeigten, während wir zu viert auf 30 Quadratmetern lebten. Wenn mich die Polizei anhielt, weil ich auf der falschen Straßenseite Fahrrad fuhr. Oder wenn alle als Brotzeit eine Brezn dabeihatten – und ich ein Stück Burek mit Käse.
Und doch gab es auch viele Momente, über die wir heute herzlich lachen können. Etwa, als meine Mutter uns „Leberkuchen“ statt „Lebkuchen“ anbot.
Mit 13 hatte ich meinen ersten Nebenjob. Schritt für Schritt kämpfte ich mich weiter – von der Hauptschule über die Wirtschaftsschule bis zur Fachoberschule. Wir Kinder arbeiteten viel. Meine Eltern arbeiteten noch mehr. Alles mit einem einzigen Ziel: ein besseres Leben. Zu dieser Zeit wurde ich plötzlich zur Dolmetscherin für die halbe geflüchtete Nachbarschaft. Ich telefonierte Anzeigen mit dem Titel „Suche zuverlässige Zugehfrau“ durch, begleitete Menschen zu Behörden und half sogar beim Eröffnen von Bankkonten. Heute gibt es Google Translate – damals war ich das Übersetzungsprogramm.
Und dann kam noch eine ganz besondere Herausforderung dazu: Bayrisch. Die Eltern meiner besten Freundin sprachen ausschließlich Bayrisch. Weil ich fast jeden Tag bei ihnen war, lernte ich diese neue „Fremdsprache“ gleich mit. „Madl, sei ned so gschamig, hock di hera, samma mehra!“ wurde zu meinem täglichen Willkommen. Heute, nach über drei Jahrzehnten, gehören „Gälberüben“ und „Pfiad di“ ganz selbstverständlich zu meinem Wortschatz. Mein Lieblingswort aber ist bis heute: „Gscheidhaferl“.
Kurz bevor ich mein Fachabitur abschließen konnte, kam der nächste Bruch. Mit 18 mussten wir Deutschland verlassen. Unser Visum wurde nur noch von Monat zu Monat verlängert, bis schließlich entschieden wurde: Der Krieg sei vorbei – wir sollten in unsere Heimat zurückkehren. Doch es war längst nicht mehr meine Heimat. Dass ich hier meine Freunde gefunden hatte, meine erste große Liebe, meinen Platz im Leben – das spielte keine Rolle. Wir hatten uns integriert, gearbeitet, uns bemüht. Und trotzdem mussten wir nach sechs Jahren Deutschland wieder verlassen. Zurück in unseren Herkunftsort konnten wir nicht. Stabilität und Sicherheit gab es dort noch lange nicht. Also gingen wir nach Kroatien.
Zum zweiten Mal in meinem Leben wurde ich heimatlos. Wieder fühlte ich mich fremd. Wieder musste ich von vorne anfangen. Trauer und Wut wuchsen – und mit ihnen auch die Narben. Es gab kaum Arbeit, und meine deutsche Schulbildung wurde nicht anerkannt. Doch ich gab meine Träume nicht auf. Ich schmiedete Pläne, mein Abitur irgendwie nachzuholen und vielleicht eines Tages über ein Studium wieder nach München zurückzukehren. Mit 19 heiratete ich jung. Aus Liebe – und auch aus dem Wunsch heraus, endlich anzukommen. Endlich ein gemeinsames Leben aufzubauen. Wir hatten eine schöne Zeit. Ich machte eine Ausbildung, studierte nebenbei und unterstützte meine Familie finanziell.
Doch die Zerrissenheit zwischen Herkunft und neuem Leben blieb. Nach einigen Jahren trennten wir uns und ließen uns scheiden. Es war eine schmerzhafte Zeit – aber das Leben ging weiter.
Ich stürzte mich in meine Arbeit, engagierte mich ehrenamtlich und fand – wie so oft – Halt in meinem christlichen Glauben. Und langsam wurde mein Leben wieder heller. Ich fand eine neue, wundervolle Liebe. Wir gründeten eine Familie. Zwei wunderbare Söhne wurden geboren. Doch dann traf uns der nächste Schicksalsschlag. Mein siebenjähriger Sohn wurde schwer krank. Eine lange Chemotherapie begann. Fast ein Jahr lang verbrachten wir in der Kinderonkologie in Schwabing. Ich werde nie vergessen, wie mein Herz brach, als ich meinen fußballbegeisterten Sohn auf der Intensivstation sah – und niemand wusste, wie alles ausgehen würde. Zu Hause warteten mein kleiner Sohn und mein Mann, die uns wegen Corona nicht einmal besuchen durften. Doch auch in dieser dunkelsten Zeit geschahen Wunder.
Wir haben es geschafft. Heute stehen wir gemeinsam am Spielfeldrand und feuern unsere gesunden Kinder an – dankbarer für das Leben als je zuvor.
Aus dieser Erfahrung ist auch etwas Neues entstanden. Ich ließ mich zur Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin für Kinder ausbilden. Seitdem darf ich viele Kinder darin stärken, mutig zu sein, Grenzen zu setzen und an sich selbst zu glauben. Am Ende erzähle ich meine Geschichte nicht, weil sie außergewöhnlich ist. Ich erzähle sie, weil sie Hoffnung macht. Denn das Leben verläuft selten geradeaus. Und vielleicht liegt genau darin seine größte Schönheit.
Nicht perfekte Lebensläufe machen uns stark, sondern die Wege mit Brüchen. Aus Schmerz kann Stärke wachsen. Aus Verlust Mitgefühl. Und aus schwierigen Erfahrungen manchmal sogar neue Berufungen. Ich habe gelernt, dass man mit Durchhaltevermögen, Glauben, Hoffnung und manchmal auch ein wenig Glück selbst aus den dunkelsten Momenten wieder ins Licht finden kann. Vor allem aber habe ich gelernt, wie wichtig Menschen sind, die einem die Hand reichen – unabhängig von Herkunft, Sprache oder Kultur.
Dieser Zusammenhalt hat mich getragen.
Und deshalb glaube ich fest daran: Es kann wieder gut werden. Manchmal sogar schöner, als man es sich je hätte vorstellen können.
Ich liebe meine neue Heimat und empfinde große Dankbarkeit und Respekt für die Menschen, die uns damals aufgenommen und uns einen Vertrauensvorschuss gegeben haben. Mein größter Wunsch ist, dass dieser Ort genauso offen, warmherzig und weltoffen bleibt wie damals, als wir hier ankamen.
Interview mit Tanja
Stell dich bitte kurz vor
Ich bin Tanja Kobe, 44 Jahre alt, Logistikmanagerin, geboren im ehemaligen Jugoslawien und seit über 30 Jahren in Unterschleißheim zuhause.
Was bedeutet „Stärke“ für dich ganz persönlich?
Für mich bedeutet Stärke, nicht aufzugeben und immer wieder neue Perspektiven zu suchen.
An was erinnerst du dich aus deiner Kindheit im damaligen Jugoslawien besonders?
An eine sehr schöne, unbeschwerte Kindheit – bevor der Krieg alles verändert hat.
Wie hast du den Moment erlebt, als deine Familie fliehen musste?
Zunächst fühlte es sich wie ein Abenteuer an. Doch als wir Kinder verstanden, dass wir wegen unserer unterschiedlichen Ethnien nicht mehr befreundet sein dürfen, wurde uns klar: Unsere Kindheit war mit zehn Jahren vorbei.
Was hat dir als Kind in dieser unsicheren Zeit Halt gegeben?
Mein Glaube.
Wie war der erste Tag in Deutschland?
Als ich das SBahnSchild „Unterschleißheim“ sah, dachte ich: Diese Sprache werde ich niemals lernen.
Was war für dich damals am schwierigsten – Sprache, Schule oder das Gefühl fremd zu sein?
Ganz klar das Gefühl, fremd zu sein. Ich wollte nicht, dass jemand merkt, dass ich Ausländerin bin.
Welche Erfahrungen aus deiner Kindheit oder Jugend prägen dich bis heute?
Das starke Bedürfnis, dazuzugehören und mich anzupassen, um nicht aufzufallen.
Welche Menschen haben dir in dieser Zeit besonders geholfen?
Meine beste Freundin und ihre Familie. Sie haben mich ganz selbstverständlich aufgenommen.
Wie ging es dir damit dreimal komplett von vorne anzufangen?
Beim ersten Mal war es ein notwendiger Aufbruch in ein sicheres Leben. Beim zweiten Mal war ich wütend auf alles und jeden, als wir abgeschoben wurden und ich in meine „alte Heimat“ zurückmusste, die sich nicht mehr wie Heimat anfühlte. Am schwersten war das dritte Mal – die ständige Angst vor einer erneuten Abschiebung und das Gefühl, heimatlos zu sein.
Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: „Ich habe mehr Kraft, als ich dachte“?
Als mein Sohn lebensbedrohlich erkrankte – und ich auch diese Zeit geschafft habe.
Gab es Situationen, in denen du an dir gezweifelt hast bzw. fast aufgegeben hättest?
Ja. Als ich abgeschoben wurde und keine Möglichkeit sah, jemals wieder nach Deutschland zurückzukehren.
Wie gehst du mit Rückschlägen/Widerständen um?
Nicht aufgeben. Nüchtern bleiben. Sachlich nach Lösungen suchen.
Wie fühlt es sich an, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen?
Zerrissen – aber ich versuche, das Beste aus beiden Welten in meinen Alltag zu integrieren und an meine Kinder weiterzugeben.
Was gab und gibt dir in schwierigen Zeiten Kraft?
Mein Glaube – und meine Freunde.
Welche kleinen Momente aus dieser Zeit bringen dich heute noch zum Lächeln?
Viele sprachliche Missverständnisse. Meine Mutter wollte im Supermarkt zwei Tüten – aber das „ü“ gibt es in unserer Sprache nicht, also wurde daraus ein „i“. Oder als sie „Leberkuchen“ statt „Lebkuchen“ mitbrachte.
Was sollte sich gesellschaftlich noch verändern?
Menschen, die sich integrieren möchten, sollten vorurteilsfrei eine echte Chance bekommen. Ich wünsche mir, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen offen miteinander sprechen können – ohne Angst, etwas falsch zu formulieren.
Fühlst du dich als Vorbild? Warum oder warum nicht?
Ich möchte meine positiven Erfahrungen der Integration weitergeben – wenn das jemandem hilft, freue ich mich.
Wenn du deinem jüngeren Ich etwas sagen könntest – was wäre das?
Alles wird gut 😊
Welche Botschaft würdest du anderen Frauen mit auf ihren Weg geben?
Trotz aller Rückschläge kann alles wieder gut werden. Manchmal sogar schöner, als man es sich je hätte vorstellen können.

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