Dirndlschaft Aggaschnoin e.V.
Unterschleißheim

Wenn das Herz sagt: Da geht noch mehr

Miriam Eshaq - Wenn das Herz sagt: Da geht noch mehr

Interview mit Miriam Eshaq weiter unten

Wenn ich auf die letzten zwanzig Jahre zurückblicke, sehe ich ein Leben, das voll war – manchmal anstrengend, oft fordernd, aber immer auch erfüllt. Ich habe im Lebensmitteleinzelhandel gearbeitet, mich Schritt für Schritt bis zur Filialleiterin hochgearbeitet, eine Familie gegründet und meine beiden Töchter großgezogen. Mein Alltag war durchgetaktet, geprägt von Verantwortung, Organisation und dem ständigen Jonglieren zwischen Beruf und Familie. Und eigentlich war alles gut.

Und doch war da immer diese leise, hartnäckige Stimme in mir, die sich nicht zufriedengab. Die fragte: „Da geht doch noch mehr, oder?“ Also habe ich mich entschieden, diesen Gedanken ernst zu nehmen. Ich habe mich für zweieinhalb Jahre in die Weiterbildung zur Handelsfachwirtin gestürzt – parallel zu einem Vollzeitjob und dem Familienleben mit zwei Kindern. Abends, wenn andere zur Ruhe kamen, habe ich gelernt, geschrieben und durchgehalten. Es war eine intensive Zeit, aber auch eine, in der ich über mich hinausgewachsen bin. Der nächste Schritt führte mich in die Ausbildung unserer Auszubildenden – eine Aufgabe, die mir viel Freude gemacht hat und in der ich viel weitergeben konnte.

Doch damit war meine Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Irgendwann hat mich das Thema Wohlbefinden gepackt – zunächst leise, dann immer stärker. Ich wollte verstehen, wie Menschen wirklich zur Ruhe kommen, wie Entspannung wirkt und wie man anderen etwas Gutes tun kann. Und weil ich Dinge nie halb mache, habe ich – wieder parallel zu meinem Beruf – zuerst die Ausbildung in Thai-Massage und später die zur Wellnesstherapeutin absolviert. Das bedeutete erneut: wenig freie Zeit, viele Wochenenden voller Lernen und Üben, und dennoch das Gefühl, genau am richtigen Platz zu sein. Denn während ich gearbeitet und gelernt habe, habe ich gemerkt: Ich verliere keine Energie – ich gewinne neue.

Zu Hause habe ich mir im Keller einen kleinen Rückzugsort geschaffen, ein eigenes Wellness-Reich. Dort empfange ich heute Menschen, die nach einem stressigen Tag einfach loslassen dürfen. Wenn ich sehe, wie sie unter meinen Händen zur Ruhe kommen, spüre ich eine Zufriedenheit, die ich so vorher nicht kannte. Genau diese Momente geben mir das Gefühl, angekommen zu sein – und gleichzeitig weiterzugehen.
Denn mein nächster Gedanke ist schon da: Ich möchte diese Auszeiten noch näher zu den Menschen bringen. Mit einem mobilen Massagebus, der Ruhe und Entspannung direkt vor die Haustür bringt.
Wenn ich heute gefragt werde, was eine „starke Frau“ für mich ausmacht, dann denke ich nicht an Perfektion oder an ein Leben ohne Zweifel. Für mich ist Stärke die Entscheidung, sich selbst die Erlaubnis zu geben, weiterzugehen – auch dann, wenn das Leben eigentlich schon voll ist. Es ist der Mut, sich trotz Sicherheit und Verantwortung noch einmal neu zu erfinden. Einfach, weil das Herz leise, aber bestimmt sagt: Da geht noch mehr.



Interview mit Miriam

Stell dich bitte kurz vor
Miriam Eshaq, 45 Jahre und seit 2008 in Unterschleißheim

Was bedeutet „Stärke“ für dich ganz persönlich?
Die Erlaubnis an mich selbst, nicht stehenzubleiben. Der Mut, sich trotz eines sicheren Jobs und familiärer Verpflichtungen zu trauen, noch mal ganz neue Wege zu gehen – einfach, weil das Herz ja sagt.

Was sollten wir über deine Geschichte/Leben wissen?
Auch ein unkonventioneller Weg führt ans Ziel.

Gab es einen Moment in deinem Leben, der deine Richtung/Einstellung grundlegend verändert hat?
Als mein Job zur Routine wurde und ich anfing mich zu langweilen.

Auf welche Entscheidung bist du besonders stolz?
Mein Leben komplett auf den Kopf zu stellen.

Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: „Ich habe mehr Kraft, als ich dachte“?
Als ich „nebenbei“ studiert habe während meines Vollzeitjobs und familiären Verpflichtungen.

Welche Erfahrungen aus deiner Kindheit oder Jugend prägen dich bis heute?
Auf mich selbst gestellt zu sein.

Welche Hürden haben dich am meisten wachsen lassen?
Mich mit mir selbst auseinander zu setzen.

Wann musstest du in deinem Leben besonders mutig sein?
Es gab keinen konkreten Moment, da jede einschneidende Veränderung Mut erfordert.

Gab es Situationen, in denen du an dir gezweifelt hast bzw. fast aufgegeben hättest?
Als ich im Einzelhandel trotz Studiums nicht die nächsthöhere Stelle bekommen habe.

Wie gehst du mit Rückschlägen/Widerständen um?
Aufstehen, Krone richten und weiter gehen.

Hast du das Gefühl, dich besonders behaupten zu müssen?
Ja. Ich werde oft unterschätzt und mir werden viele Sachen nicht zugetraut.

Was gibt dir in schwierigen Zeiten Kraft?
Die Ruhe und Einsamkeit an meiner Lieblingsstelle am Fluss.

Was sollte sich gesellschaftlich noch verändern?
Man sollte Frauen nicht per se unterschätzen und ihnen mehr zutrauen.

Hast du das Gefühl, dass dein Frausein deinen Weg erleichtert oder erschwert hat?
Beides. Manchmal ist es gar nicht so verkehrt unterschätzt zu werden, da es so leichter ist die Erwartungen zu übertreffen.

Fühlst du dich als Vorbild? Warum oder warum nicht?
Ja - für meine Töchter, damit sie sehen, dass man auch später im Leben noch etwas erreichen kann und keine Angst haben muss vor Veränderungen oder davor einen neuen Weg einzuschlagen.

Wenn du deinem jüngeren Ich etwas sagen könntest – was wäre das?
Es wird besser!!!

Was macht dich heute glücklicher als früher?
Selbstbestimmt handeln und leben zu können.

Welche Botschaft würdest du anderen Frauen mit auf ihren Weg geben?
Gib nicht auf und verfolge deine Ziele.

Würdest du diesen Weg wieder gehen?
Rückblickend würde ich die Dinge in einer anderen Reihenfolge angehen aber im Großen und Ganzen ein klares JA.