Wenn aus Verlust Verbindung entsteht
Interview mit Stephanie & Annika weiter unten
Wir sind Annika und Stephanie – und uns verbindet eine Erfahrung, über die noch immer viel zu wenig gesprochen wird: der Verlust eines Kindes während der Schwangerschaft. Der Schmerz, die Sprachlosigkeit und das Gefühl, mit der eigenen Trauer oft allein zu sein.
Hi, ich bin Annika. Ich bin Mama von vier Kindern – drei an der Hand und eins im Herzen.
2015 habe ich meine 1. Tochter, die wir liebevoll Erbse nennen, in der 20.Schwangerschaftswoche tot zur Welt gebracht. Leider verliefen diese 20 Wochen alles andere als unbedarft. Ich hatte früh Blutungen und wurde engmaschig untersucht. Meiner Tochter ging es laut den Ärzten immer gut und sie war altersgerecht entwickelt. Und trotzdem hörte ihr Herz in der 20. SSW auf zu schlagen.
Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fragte mich, warum ausgerechnet mir das passiert und ich somit auf die härteste Probe in meinem Leben gestellt wurde. Ich habe versucht, das Geschehene zu verarbeiten. Das war nicht leicht und ich habe festgestellt, dass das Angebot an Anlaufstellen für Eltern deren Kind vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, doch recht dünn war. 2020 durfte ich Natascha Sargorski meine Geschichte für ihr Buch „Jede 3. Frau“ erzählen. Mit meiner Geschichte kann ich andere betroffene Familien unterstützen und zeigen, dass sie nicht alleine sind. Mit dem Aufruf zum Buch wurde mir wieder ein-mal mehr bewusst, dass ich betroffene Familien unterstützen möchte.
Hi, ich bin Stephi. Ich habe vier Kinder – zwei an der Hand und zwei im Himmel. Natürlich wusste ich, dass es Fehlgeburten gibt. Allerdings war diese Tatsache so weit weg von mir und so bin ich 2017 genauso unbedarft in meine zweite Schwangerschaft “gegangen” wie 2011 in meine erste. Rückblickend kann ich sagen, dass ich ganz tief in mir wusste, dass die Schwangerschaft mit meinem kleinen Mädchen anders verlaufen wird wie mit meinem Sohn. Bei einer Routineuntersuchung kurz vor Weihnachten wurde leider festgestellt, dass das Herz unseres kleinen Mädchens nicht mehr schlägt und zwei Tage später kam dann unsere Johanna Ende der 16. SSW still auf die Welt. Mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen und ich habe mich so allein gefühlt. Mitte 2018 hatte ich erneut eine Fehlgeburt in der 8. SSW Leider gab es im näheren Umkreis keine Anlaufstellen und Unterstützung. Und nachdem ich von immer mehr Sterneneltern erfahren habe, denen auch die Unterstützung gefehlt hatte, wuchs der Gedanke, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Ich wusste aber nie wie.
Aus genau diesen Erfahrungen heraus ist in uns der Wunsch entstanden, etwas zu verändern. Etwas für andere betroffene Familien zu tun – genau dort, wo Unterstützung gebraucht wird. Im Juni 2023 hat Annika mit der Selbsthilfegruppe „Sternenkind Schleißheim“ einen ersten Raum für Austausch geschaffen. Einen Ort, an dem Trauer Platz haben darf, Begegnung möglich ist und niemand allein sein muss. Denn die bestehenden Angebote waren für viele einfach zu weit entfernt – gerade in einer Zeit, in der schon kleine Wege schwerfallen. Kennengelernt haben wir uns im Juli 2023 über Social Media. Und ziemlich schnell war klar: Wir wollen gemeinsam etwas bewegen. Wir teilen die gleiche Vision – Sternenkindfamilien begleiten, unterstützen und sichtbar machen. Aus ersten Gesprächen wurde Schritt für Schritt mehr. Auch der Wunsch einer Familie, im Trauerfall statt Blumen Spenden zu sammeln, hat uns darin bestärkt, größer zu denken.
Gemeinsam mit unseren insgesamt fünf Schwestern haben wir im Juli 2024 den Verein Erbse & Johanna e. V. gegründet – in liebevoller Erinnerung an unsere beiden Töchter. Wir begleiten Sternenkindfamilien in Einzelgesprächen, in Paarbegleitungen und in akuten Situationen. Mit unseren Treffen schaffen wir Räume für Austausch, Trost und Gemeinschaft. Und auch in besonders sensiblen Zeiten, wie einer Folgeschwangerschaft, sind wir an der Seite der Familien. Darüber hinaus organisieren wir verschiedene Angebote und Veranstaltungen – vom Beckenbodentraining bis zum Adventscafé. Auch der Christbaum der Erinnerung in Unterschleißheim ist für uns zu einem festen Bestandteil geworden. Parallel dazu ist ein starkes Netzwerk entstanden – mit Initiativen, Fachstellen, Kliniken und Hebammen. So können wir Familien nicht nur selbst begleiten, sondern sie auch gut weitervernetzen und auffangen. Ein ganz besonderer Teil unserer Arbeit sind die Sternenkindergrabflächen. In Unterschleißheim konnten wir die Stellen an der bestehenden Grabfläche verschönern, weitere Maßnahmen sollen folgen. In Oberschleißheim ist eine neue Grabfläche entstanden – von der ersten Idee über viele Gespräche mit der Gemeinde bis hin zur Umsetzung. Ein wichtiger Schritt war dabei auch das Crowdfunding, durch das viele Menschen dieses Projekt mitgetragen und möglich gemacht haben.
Diese Orte bedeuten uns sehr viel. Sie machen sichtbar, was oft unsichtbar bleibt. Gleichzeitig ist es uns wichtig, das Thema Sternenkinder auch darüber hinaus in die Öffentlichkeit zu tragen – durch unsere Arbeit, durch Veranstaltungen und über Social Media. Wir möchten dazu beitragen, dass Trauer ihren Platz bekommt und nicht im Verborgenen bleiben muss.
Was uns antreibt, ist nicht nur unser persönlicher Weg. Es ist der Wunsch, etwas zu verändern. Für Familien. Für mehr Verständnis. Und für eine Gesellschaft, in der auch diese Form der Trauer gesehen wird. Unsere Vision ist ein starkes Netzwerk für Sternenkindfamilien – und Orte, an denen Erinnerung ihren Platz hat. Denn kein Sternenkind soll vergessen werden.
Interview mit Annika & Stephanie
Stellt euch bitte kurz vor
Stephanie Bölkow, 43, Portfoliomanagerin, aus OSH und in USH ab weiterführender Schule, jetzt Haimhausen
Annika Schönhofer, 40, ganzheitliche Ernährungsberaterin, aus Wuppertal und seit 10 Jahren in OSH
Was bedeutet „Stärke“ für euch persönlich?
Immer wieder aufzustehen und für sich einzustehen.
Was hat sich in eurem Leben verändert, seit dein Sternenkind Teil der Geschichte geworden ist?
Man lebt bewusster, lernt Kleinigkeiten mehr zu schätzen und ist dankbarer (für ein Kind). Der Abnabelungsprozess der lebenden Kinder ist schwieriger.
Welche Erinnerungen an eure Kinder tragt ihr besonders im Herzen?
Beim letzten Ultraschall, als ich sie lebend gesehen habe, sah es aus, als ob sie winken würde.
Als sie nach einer stillen Geburt von der Hebamme gebracht wurde und friedlich im Körbchen lag.
Gab es einen Moment in eurem Leben, der eure Richtung/Einstellung grundlegend verändert hat?
Als wir festgestellt haben, dass es keine Hilfsangebote und Unterstützung in der Nähe gab.
Gab es einen speziellen Moment, in dem ihr gemerkt habt, wie wichtig es ist, über eure Erfahrung zu sprechen?
Als man in einer Selbsthilfegruppe, die man selbst besucht hat, darüber gesprochen hat und gemerkt hat, wie hilfreich es ist.
Hier wurde es uns noch bewusster, dass es einen Raum in der Nähe braucht, um darüber offen zu sprechen.
Welche Worte oder Gesten haben euch in dieser schweren Zeit wirklich geholfen?
Nichts hilft wirklich. Jedoch tut es gut, wenn jemand einfach da ist in der Situation.
Gab es einen Moment, in dem ihr gemerkt habt: „Ich habe mehr Kraft, als ich dachte“?
Einen speziellen Moment nicht, aber die ganzen ersten Male – die Geburt, der Frauenarztbesuch, das Familientreffen, ein Baby halten, Schwangere sehen, …
Was hättet ihr euch in der Zeit der Trauer von eurer Umgebung gewünscht?
Einfach DA sein, zuhören und Verständnis. Nicht ausweichen oder aus dem Weg gehen.
Welche Hürden gab es auf diesem schweren Weg? (Formulare, Ärzte, etc.)
Fehlende Empathie, langes Warten in der Klinik (über 4 Std) im gleichen Raum wie lauter Schwangere, kein Nachfragen, keine Aufklärung, lediglich Formular zur Bestattung ohne Aufklärung (Einladung zur Sammelbestattung oder anonyme Bestattung), abends ein Anruf welche Klinik – mehr Infos zu Möglichkeiten wären so wichtig gewesen (Einzelbestattung, Fotograf, Erinnerungen schaffen wie Handabdruck).
Gab es Situationen, in denen ihr an euch gezweifelt habt? (persönlich und auf den Verein bezogen)
Nur auf die Vereinsgründung bezogen: wir sind ganz naiv an das herangegangen. Es hat lange gedauert, bis alles offiziell war und wir z.B. Spenden annehmen und aktiv agieren konnten.
Was war der ausschlaggebende Punkt den Verein zu gründen?
Der Moment, als jemand Geld spenden wollte (siehe Geschichte).
Gegründet haben wir am 20.7.24 – im Januar 2025 konnte erst losgelegt werden.
Wie geht ihr mit Rückschlägen/Widerständen um?
Durch- und Zusammenhalten, an uns glauben und immer wieder aufstehen.
Was gab/ gibt euch in schwierigen Zeiten Kraft?
Glaube und Dankbarkeit.
Gibt es einen Ort, ein Ritual oder ein Symbol, das für dich mit deinem Kind verbunden ist?
Die am Friedhof gepflanzten Bäume haben wir in unseren Garten geholt- wie heimholen.
Ich habe einen Erinnerungsort mit Kleinigkeiten und ein Tattoo.
Was sollte sich gesellschaftlich noch verändern?
Akzeptanz und Verständnis. Dieses Thema sollte kein Tabu sein und offen darüber gesprochen werden.
Mehr Empathie beim Umgang- z.B. nicht im gleichen Warteraum zu sein wie andere Schwangere oder frisch Entbundenen.
Aufklärung ist so nötig und wichtig – Bestattungsmöglichkeiten, Fotograf, Erinnerungen, wie läuft die Geburt ab und weitere Fragen sollten standartmäßig besprochen werden.
Fühlt ihr euch als Vorbild? Warum oder warum nicht?
Nein, da es nicht um uns geht, sondern um die Sache an sich.
Es wäre schön, wenn wir als Vorbild inspirieren würden, die Dinge in die Hand zu nehmen, um etwas zu verändern, wenn jemanden ein Missstand auffällt.
Wenn ihr eurem jüngeren Ich etwas sagen könntet – was wäre das?
Glaub an dich und geh DEINEN Weg, egal was dein Umfeld dazu sagt.
Was macht euch heute glücklicher als früher?
Wir schätzen die kleinen Dinge und Momente mehr und freuen uns über Alltägliches.
Welche Botschaft würdet ihr anderen betroffenen Frauen/ Familien mit auf ihren Weg geben?
Ihr müsst den Weg nicht alleine gehen! Nehmt Hilfen an, denn die Trauer geht nie vorbei, sie verändert sich nur.
Was würdet ihr Menschen sagen, die unsicher sind, wie sie mit betroffenen Familien umgehen sollen?
Da sein und aktiv unterstützen – Einkaufen gehen, mit Essen vor der Tür stehen, spazieren gehen, zuhören und die Stille aushalten.
Am schlimmsten ist ein „Melde Dich, wenn du etwas brauchst.“ – hierfür fehlt einfach die Kraft.
Was sind eure Pläne für die Zukunft eures Vereins?
Dass es würdige Gedenkstätten für alle Sternenkinder (unabhängig von der Schwangerschaftswoche) in Wohnortnähe gibt.
Wachstum und Sichtbarkeit, um mehr Familien zu erreichen.

