Da sein, wenn die Welt stillsteht
Interview mit Isabella Salzmann-Behringer weiter unten.
Mein Weg zur Feuerwehr begann aus einer sehr persönlichen Motivation heraus. Ich bin Mutter eines schwerstbehinderten Sohnes, und es gab viele Momente, in denen ich mich hilflos fühlte – begleitet von großer Sorge und Angst um ihn. Gerade in medizinischen Notfallsituationen hatte ich oft das Gefühl, nicht genug tun zu können.
Ich wollte diesem Gefühl nicht länger ausgeliefert sein. Ich wollte verstehen, lernen und im Ernstfall handlungsfähig werden – für meinen Sohn, aber auch für mich selbst. Gleichzeitig entstand in mir der Wunsch, wieder ein Stück weit „ich“ zu sein, außerhalb eines Alltags, der oft von Verantwortung und Sorgen geprägt war.
So wagte ich den Schritt zur Feuerwehr. Dort erlangte ich nicht nur wertvolles medizinisches Wissen, sondern lernte auch, in herausfordernden Situationen ruhig zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen. Was ursprünglich aus dem Wunsch entstand, meinem eigenen Kind besser helfen zu können, entwickelte sich mit der Zeit zu etwas viel Größerem: dem Wunsch, auch anderen Menschen in schweren Situationen beizustehen.
Besonders geprägt hat mich ein Responder-Einsatz, bei dem ich eine hinterbliebene Ehefrau betreuen musste, deren Mann verstorben war. In dieser Situation gab ich mein Bestes, hörte zu, war einfach da und versuchte, Halt zu geben. Doch sehr schnell merkte ich, dass mir das nötige fachliche Handwerkszeug fehlte, um Menschen in solch tiefen Ausnahmesituationen wirklich professionell begleiten zu können.
Genau dieser Moment löste etwas in mir aus. Ich wollte nicht nur „irgendwie helfen“ – ich wollte es richtig machen. Deshalb entschied ich mich für eine Ausbildung bei der Krisenintervention des ASB, also dem KIT München. Dort lernte ich, wie man Menschen in akuten Schock-, Trauer- und Belastungssituationen auffängt, stabilisiert und begleitet. Dieses Wissen gab mir Sicherheit und die Möglichkeit, Menschen in ihren schwersten Momenten wirklich hilfreich zur Seite zu stehen.
Heute betreue ich mit großer Leidenschaft Hinterbliebene, deren Familien, Augenzeugen schwerer Ereignisse sowie Betroffene nach Gewaltverbrechen usw. Es sind Begegnungen, die oft von Schmerz, Verzweiflung und Hilflosigkeit geprägt sind – und genau dort versuche ich, Halt zu geben, Struktur zu schaffen und einfach da zu sein.
Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass nicht nur Betroffene, sondern auch Einsatzkräfte selbst traumatisiert werden können. Menschen, die täglich helfen, tragen oft ihre eigenen belastenden Erfahrungen mit sich. Auch hier wollte ich unterstützen können. Deshalb bildete ich mich weiter und absolvierte alle Ausbildungen bis zur Fachberaterin PSNV-E.
Was mich antreibt, ist der Wunsch, Menschen in ihren schwersten Momenten nicht allein zu lassen. Ich möchte ihnen beistehen, wenn Worte fehlen und die Welt stillzustehen scheint. Für mich ist das nicht nur eine Aufgabe, sondern eine echte Herzensangelegenheit.
Interview mit Isabella
Stell dich bitte kurz vor
Isabella Salzmann-Behringer, 40 Jahre, Sozialpädagogin aus München und seit 2013 in Unterschleißheim.
Was bedeutet „Stärke“ für dich ganz persönlich?
Stärke ist für mich ein großes Wort. Wie stark wir sein können, hängt von vielen Faktoren ab: von unserer Gesundheit, unseren Lebensumständen, den Herausforderungen, denen wir begegnen, und auch von unserer persönlichen Resilienz. Jeder Mensch lebt ein anderes Leben und bringt andere Voraussetzungen mit. Manche Menschen müssen im Laufe ihres Lebens unglaublich viel tragen und bewältigen, andere weniger. Manche können Belastungen leichter aushalten, andere geraten früher an ihre Grenzen. Deshalb ist Stärke für mich nichts Starres. Sie zeigt sich oft erst in den Momenten, in denen das Leben uns vor Aufgaben stellt, die wir uns nie ausgesucht hätten.
Gab es einen Moment in deinem Leben, der deine Richtung/Einstellung grundlegend verändert hat?
Es gab viele Momente in meinem Leben, die alles verändert und meine Pläne über den Haufen geworfen haben. Der größte Wendepunkt war die Geburt meines schwerstbehinderten Sohnes. Von einem Tag auf den anderen verschieben sich die Prioritäten komplett. Plötzlich geht es nicht mehr darum, die schönsten Spielplätze oder die besten Ausflugsziele zu finden. Stattdessen beschäftigt man sich mit Fragen wie: Welcher Versorger liefert die passenden Hilfsmittel? Welche Windeln brauche ich? Welche Therapien sind notwendig und wie organisiert man all das? Diese Erfahrung hat mein Leben grundlegend verändert. Sie hat mich vor Herausforderungen gestellt, die ich mir vorher niemals hätte vorstellen können.
Auf welche Entscheidung bist du besonders stolz?
Besonders stolz bin ich auf die Entscheidung, trotz Pflegeverantwortung, Beruf und Familienalltag noch einmal ein Studium der Sozialen Arbeit aufzunehmen. Es war nicht immer leicht und oft gab es Momente, in denen ich gezweifelt habe. Aber dieses Studium hat mir neue Perspektiven eröffnet und Türen geöffnet, die sonst verschlossen geblieben wären. Es hat mir die Möglichkeit gegeben, mich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln und letztlich den Beruf auszuüben, der zu mir passt.
Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: „Ich habe mehr Kraft, als ich dachte“?
Ja, in meinem Leben gab es immer wieder Situationen, in denen ich deutlich mehr Kraft aufbringen musste, als ich eigentlich konnte. Oft hatte ich gar nicht das Gefühl, besonders stark zu sein – ich habe einfach funktioniert, weil es notwendig war. Rückblickend bin ich manchmal selbst erstaunt und vielleicht auch ein wenig erschrocken darüber, wie viel ein Mensch aushalten kann. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass Stärke nicht bedeutet, niemals zu zweifeln oder nie erschöpft zu sein. Stärke bedeutet manchmal einfach, am nächsten Morgen wieder aufzustehen und weiterzumachen.
Was war der ausschlaggebende Moment zur Feuerwehr zu gehen?
Der Entschluss, zur Feuerwehr zu gehen, entstand aus einem sehr persönlichen Bedürfnis heraus. Durch die Erkrankung meines Sohnes wurde mir bewusst, wie wichtig medizinisches Wissen und die Fähigkeit sind, auch in Stresssituationen handlungsfähig zu bleiben. Ich wollte lernen, in Notfällen sicherer zu reagieren, mehr über medizinische Zusammenhänge verstehen und meine eigene Stressresistenz weiterentwickeln. Die Feuerwehr hat mir dafür genau die Möglichkeiten geboten, die ich gesucht habe.
Was hat dich dazu gebracht beim KIT zusätzlich zu PSNV-B noch PSNV-E zu machen?
Im Austausch mit anderen Feuerwehrleuten habe ich immer wieder Geschichten von belastenden Einsätzen gehört, nach denen sich niemand wirklich um die Einsatzkräfte gekümmert hat. Einige mussten schwierige Erlebnisse mit sich selbst ausmachen. Daraus entstand bei mir der Wunsch, mir zusätzlich das fachliche Wissen zur psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte anzueignen. Mir ist wichtig, dass Menschen, die anderen helfen, selbst Unterstützung bekommen, wenn sie sie brauchen. Belastende Erfahrungen verschwinden nicht einfach, nur weil ein Einsatz beendet ist. Für mich ist es eine wichtige Aufgabe, dazu beizutragen, dass Einsatzkräfte nicht allein mit ihren Erlebnissen bleiben und dass psychische Gesundheit genauso ernst genommen wird wie körperliche Gesundheit.
Welche Hürde hat dich am meisten wachsen lassen?
Die Erkrankung meines Sohnes hat mich persönlich und beruflich am meisten geprägt. Mein Leben hat sich von heute auf morgen komplett verändert. Diese Erfahrung hat mich dazu gebracht, vieles neu zu überdenken und meinen beruflichen Weg neu auszurichten. Ursprünglich habe ich Bankkauffrau gelernt, später aber den Schritt gewagt, Soziale Arbeit zu studieren. Rückblickend und gegenwärtig war und ist das die größte Herausforderung meines Lebens – und gleichzeitig diejenige, an der ich am meisten gewachsen bin.
Wann musstest du in deinem Leben besonders mutig sein?
Ich glaube, Mut braucht man im Leben jeden Tag, denn ohne Mut verpasst man viele Chancen. Besonders mutig muss ich jedoch bei meinen Einsätzen sein, weil man nie weiß, was einen erwartet. Gerade Einsätze im Kriseninterventionsteam erfordern viel Mut, Selbstvertrauen und die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Gab es Situationen, in denen du an dir gezweifelt hast bzw. fast aufgegeben hättest?
2022 wäre mein Sohn beinahe an einer schweren Lungenentzündung verstorben. Nachdem er wieder gesund war, fiel ich selbst in ein tiefes Loch. Ich hatte kaum Zeit, das Erlebte zu verarbeiten, und lange Zeit nicht die richtigen Ansprechpartner. Dadurch kamen viele Selbstzweifel auf. Ich habe mir wenig zugetraut, hatte in vielen Situationen unfassbar Angst und war deshalb auch eine Zeit lang nicht mehr im Kriseninterventionsteam tätig. Ich habe sogar darüber nachgedacht aufzuhören, weil ich der Meinung war, dass man andere nur begleiten kann, wenn man selbst stabil ist. Mit Unterstützung einer großartigen Psychologin habe ich Schritt für Schritt wieder Vertrauen in mich selbst gewonnen.
Wie gehst du mit Rückschlägen/Widerständen um?
Wenn ich einen Rückschlag erlebe, brauche ich zunächst Zeit, um meinen Frust zuzulassen. Dann darf es auch mal einen Tag lang Drama und Selbstmitleid geben. Danach richte ich meinen Blick aber wieder nach vorne und überlege, wie ich weitermachen kann. Manchmal hilft auch einfach Frust-Shopping.
Hast du das Gefühl, dich als Frau besonders behaupten zu müssen?
Ja, das empfinde ich durchaus so. Oft hat man als Frau das Gefühl, unterschiedlichen Erwartungen gerecht werden zu müssen, die sich teilweise widersprechen. Arbeitet man viel, wird man schnell als Rabenmutter bezeichnet, arbeitet man weniger, gilt man als wenig ambitioniert. Deshalb müssen viele Frauen auch heute noch lernen, selbstbewusst ihren eigenen Weg zu gehen und sich nicht von den Erwartungen anderer bestimmen zu lassen.
Wie ist es, in einem männerdominierten Beruf zu arbeiten?
Als Frau in einem männerdominierten Bereich ist es nicht immer leicht. Man muss sich meist stärker beweisen und wird manchmal anders wahrgenommen als männliche Kollegen. Frauen werden häufig als emotionaler wahrgenommen. Und diese Eigenschaft wird manchmal unterschätzt oder belächelt. Dabei sind Empathie, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, auf Menschen einzugehen, wichtige Kompetenzen – insbesondere im Umgang mit Betroffenen in Krisensituationen.
Was gibt dir nach schwierigen Einsätzen Kraft?
Zu Hause muss ich erstmal meine Kinder kuscheln. Sie zu umarmen und Zeit mit ihnen zu verbringen, gibt mir Kraft und erinnert mich daran, was im Leben wirklich wichtig ist.
Und wenn mich ein Einsatz doch einmal länger beschäftigt oder ich das Bedürfnis habe, etwas nachzusprechen, wartet zu Hause auch mein Ehemann auf mich. Er kennt das Blaulicht-Leben selbst und versteht die Herausforderungen, die dieses Ehrenamt mit sich bringt. Es tut gut, jemanden an seiner Seite zu haben, der zuhört, mitfühlt und vieles nachvollziehen kann, ohne dass man lange erklären muss. Diese Unterstützung ist für mich unglaublich wertvoll und alles andere als selbstverständlich.
Eine weitere wichtige Stütze ist meine Vorgesetzte im KIT. Sie unterstützt mich nicht nur fachlich, sondern auch menschlich. Sie schafft es immer, die richtigen Worte zu finden. Sie ist eine außergewöhnlich starke und inspirierende Frau, die mit ihrer Art zeigt, wie wichtig Wertschätzung und echtes Füreinander-Dasein in unserem Ehrenamt sind.
Gibt es Rituale oder Gewohnheiten, die dir helfen?
Ja. Auf dem Heimweg nach KIT-Einsätzen drehe ich die Musik im Auto richtig laut auf. Das hilft mir, abzuschalten, neue Energie zu tanken und wieder mit einem guten Gefühl nach Hause zu kommen.
Was sollte sich gesellschaftlich noch verändern?
Ich empfinde die aktuelle Stimmung in unserer Gesellschaft oft als schwierig. Häufig habe ich das Gefühl, dass Menschen einander wenig gönnen, schnell urteilen oder sich vor allem auf das Negative konzentrieren. Dabei ist das Leben für viele ohnehin schon anstrengend, herausfordernd und belastend genug. Gerade deshalb sollten wir wieder mehr aufeinander achten, uns gegenseitig unterstützen und mit Respekt begegnen.
Hast du das Gefühl, dass dein Frausein deinen Weg erleichtert oder erschwert hat?
Als Frau hat man im Leben definitiv mit mehr Hürden zu kämpfen. Doch ich habe gelernt, mich davon nicht aufhalten zu lassen. Im Gegenteil: Wenn jemand versucht, eine Frau kleinzuhalten oder zu unterschätzen, sagt das oft mehr über die Unsicherheit dieser Person aus als über die Frau selbst.
Fühlst du dich als Vorbild? Warum oder warum nicht?
Eigentlich nicht. Ich glaube, das Wichtigste ist, authentisch zu bleiben, seinen eigenen Weg zu finden und den eigenen Wert zu kennen. Jeder Mensch ist einzigartig und genau darin liegt unsere Stärke. Man braucht nicht unbedingt ein Vorbild, um Großes zu erreichen. Oft reicht es, an sich selbst zu glauben.
Wenn du deinem jüngeren Ich etwas sagen könntest – was wäre das?
„Mach dich auf einiges gefasst. Es wird nicht immer leicht werden. Dein Leben wird sich mehrfach verändern und manchmal völlig anders verlaufen, als du es geplant hast. Aber du wirst deinen Weg finden – und daran wachsen.“
Was macht dich heute glücklicher als früher?
Heute bin ich deutlich gelassener als früher. Durch meine Erfahrungen habe ich gelernt, Dinge anders einzuordnen. Wenn man erlebt hat, was echte Sorgen, echte Verluste oder echte Herausforderungen sind, verändert sich die Perspektive. Man lernt, die kleinen Dinge wertzuschätzen und findet Freude in Momenten, die man früher vielleicht übersehen hätte.
Welche Botschaft würdest du anderen Frauen mit auf ihren Weg geben?
Lasst euch niemals von den Erwartungen anderer definieren. Kennt euren Wert, glaubt an eure Fähigkeiten und geht euren Weg mit erhobenem Kopf. Die stärksten Frauen sind nicht diejenigen, die niemals fallen – sondern diejenigen, die jedes Mal wieder aufstehen.
