Hinschauen – machen – tun
10 Jahre Engagement in Ghana – ein Herzensprojekt mit nachhaltiger Wirkung
Interview mit Petra Halbig weiter hinten.
Seit rund zehn Jahren bin ich Vorsitzende des Unterschleißheimer Vereins „Friends without Borders e.V.“. Seit 10 Jahren unterstützen wir mit unserer Arbeit zwei kleine Ortschaften in Westafrika, in Ghana. Für mich persönlich ist es weit mehr als ein Ehrenamt – es ist ein Herzensprojekt.
Warum das soziale Engagement? Warum Ghana? Warum die Schwierigkeiten der interkulturellen Unterschiede auf sich nehmen?
Eine Reise nach Ghana ist nicht nur eine Reise auf einen anderen Kontinent, in ein anderes Land – es ist eine Reise in eine völlig andere Kultur und gleichzeitig eine Reise zu sich selbst.
Als ich 2014 das erste Mal in Ghana war, hat mich die Differenz zwischen der Armut und der Gastfreundschaft und die Fröhlichkeit der Menschen fasziniert. Um die Menschen noch besser zu verstehen und unsere Projekte zu begleiten, besuche ich Ghana jedes Jahr – inzwischen war ich etwa 15 Mal dort. Ich bin immer alleine unterwegs und übernachte in einer sehr einfachen Unterkunft vor Ort – ganz einfach deshalb, weil es eine gute Möglichkeit ist, das Dorfleben hautnah zu erfahren. Die Bewohner schätzen es sehr wohl, weil sie wissen, dass ich damit meinen üblichen Standard verlasse und ihr Leben verstehen möchte. Als Dank für das Engagement unseres Vereins hat die Dorfgemeinschaft mich zur Queen of development mit dem Namen Mama Zifornu I gekrönt.
Die Reisen sind aufwendig und oft beschwerlich: unzuverlässige Strom- und Wasserversorgung, ein herausforderndes Klima, teilweise bedenkliche hygienische Verhältnisse, keine Einkaufsmöglichkeiten* oder Infrastruktur nach unserem Standard und Transportprobleme prägen den Alltag vor Ort. Aber der persönliche Kontakt ist so extrem wichtig, wenn Projekte von den Menschen akzeptiert werden und damit nachhaltig sein sollen. Das erreicht man nur, wenn man den persönlichen Kontakt hat, ihre Lebensrealität kennt und sie aktiv in den Prozessen integriert. Es geht eben nicht darum, Lösungen nach unserem Wissen, nach unserem Standard vorzugeben, sondern gemeinsam Wege zu finden, die zu den lokalen Bedingungen passen. Das bedeutet auch, eigene Vorstellungen zurückzustellen und zu akzeptieren, dass unsere Sicht auf die Welt nicht überall gültig ist.
Diese Gratwanderung zwischen zwei Kulturen ist anspruchsvoll, aber auch bereichernd. Ich bin bei jedem Besuch aufs Neue überrascht von der Kreativität, der Resilienz und der Geduld, mit der die Menschen vor Ort ihren Alltag unter den gegebenen Umständen meistern.
Die Erfahrungen in Ghana verändern meinen Blick auf unser Leben hier in Unterschleißheim, in Deutschland. Nach jeder Reise wird mir bewusst, wie selbstverständlich wir vieles nehmen: volle Supermärkte, eine funktionierende Infrastruktur, medizinische Versorgung, Mobilitätsangebote und vielschichtige Bildungsmöglichkeiten. Gleichzeitig gibt es in Mafi Dadoboe Menschen, die sich nicht einmal kleine Beträge für den Weg zum Arzt leisten können – mit oft schwerwiegenden Folgen.
Ich erlebe, dass sich die Einstellung der Menschen in Mafi Dadoboe durch die vielen Gespräche mit der Zeit verändert hat. Bildung bekommt einen höheren Stellenwert, Eltern achten verstärkt darauf, dass ihre Kinder regelmäßig und gut gekleidet zur Schule gehen. Diese Entwicklung ist für mich ein zentraler Erfolg unserer Arbeit.
Neben der Projektarbeit ist es mir daher ein großes Anliegen, diese Eindrücke weiterzugeben. Wir sind bei vielen Veranstaltungen in Unterschleißheim mit einem Infostand präsent. In Vorträgen an Kindergärten, Schulen und der Volkshochschule in Unterschleißheim berichte ich gerne aus erster Hand. Besonders wichtig ist mir, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, welche Chancen sie hier haben – wie unterschiedlich Lebensrealitäten sein können und dass es einfach Zufall ist, wo jemand geboren wird und welche Chancen er hat – oder eben auch nicht.
In den kleinen Ortschaften in der Voltaregion realisieren wir verschiedene Projekte – immer nach vielen Abstimmungsgesprächen gemeinsam mit den Menschen vor Ort. Denn nur, wenn wir die Menschen mitnehmen und mitentscheiden lassen, sind wir erfolgreich. In manchen Fällen finanzieren wir ein Projekt komplett, in anderen Fällen nur teilweise und verlangen die Mitfinanzierung durch die Ortsgemeinschaft oder Eigenleistung.
Was haben wir bislang getan? Wir haben eine Schule mit angegliederten Toilettenhäusern gebaut, Laptops, Beamer und Leinwand für den Computerraum der Schule gespendet. Den in die Jahre gekommenen Kindergarten haben wir umfassend renoviert. Ein nachhaltiges Projekt war die Herstellung eines Volleyballnetzes aus Plastiktüten für den Sportplatz der Schule.
Darüber hinaus entstand zum Beispiel die Schulpartnerschaft zwischen der Mittelschule Unterschleißheim und der ghanaischen Junior High School. Briefe und mittlerweile auch Videos werden ausgetauscht und die Schüler lernen so die unterschiedlichen Lebenswelten der jeweiligen Partner kennen. Dazu kommen das internationale Kunstprojekt „einfach blau“, Baumpflanzungen auf dem Schulgelände sowie Spenden von Büchern, Solarlampen und Spielsachen für den Kindergarten. Jüngst konnten wir ein Jugendzentrum eröffnen und so den jungen Menschen Räume für Workshops sowie musikalische und künstlerische Aktivitäten zur Verfügung stellen.
Und doch bleibt letztendlich eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt: Wer ist eigentlich glücklicher? Wir in unserem Überfluss – oder die Menschen in Ghana mit ihrer Dankbarkeit, Lebensfreude, Kreativität und außergewöhnlichen Gastfreundschaft?
Diese Frage offen zu lassen, ist vielleicht der ehrlichste Teil meiner Erfahrung.
*Im Dorf gibt es zwei kleine Kioske mit ungekühlten Waren, die nächste Hauptstadt mit allen erdenklichen Lebensmitteln ist Accra in 150km Entfernung. Jedoch ist ein „schnell Salat“ holen nicht möglich, ein Auto besitzt fast niemand und mit dem Bus dauert es 7-8 Stunden einfach.
Interview mit Petra
Stell dich bitte kurz vor
Petra Halbig, 62, aus Pfaffenhofen an der Ilm und seit knapp 40 Jahren in Unterschleißheim
Wie wirst du in Ghana genannt?
Mama Zifornu I
Was bedeutet „Stärke“ für dich ganz persönlich?
Wenn man seine Schwächen kennt und diese durch Änderung von Denkweisen und Handlungen verändert.
Was sollten wir über deine Geschichte wissen?
Es ist ein Herzensprojekt und ich habe dadurch meine soziale Seite entdeckt.
Wie bist du nach Ghana gekommen?
Es gab eine Klimapatenschaft zwischen Unterschleißheim und Ghana, die 2 Jahre lang bestand, in dieser Zeit war ich zwei Mal dort. Nach dem Projekt wurde ich von einem Partner dort eingeladen, ihn zu besuchen.
Als ich nach kurzem Zögern die Einladung angenommen hatte und dort war, kam ich mit vielen Visionen zurück. Eisenbahnschienen zu verlegen war etwas utopisch und so habe ich mit kleinen Projekten gestartet.
Wie war dein erster Besuch?
Ein kleiner Kulturschock, mein Zimmer im Hause des Dorfchiefs bestand aus 4 Wänden, Löchern im Dach, ein paar Tierchen und ohne Matratze.
Gab es weitere Herausforderungen?
Dort gibt es keine Möglichkeit, Lebensmittel zu kühlen und somit zu lagern. Ein kleiner Kiosk ist zwar vorhanden, aber der hat nicht viele Artikel und auch keine „frischen“ Waren. Die nächste Hauptstadt (in der alles vorhanden ist) ist ca. 150km entfernt und mit dem Bus in 7-8 Stunden zu erreichen. Also lebt man von und mit dem was vorhanden ist: Reis, Konserven und Waren, die Frauen aus benachbarten Orten verkaufen (z.B. frische Tomaten).
Schwierig ist auch, dass erwartet wird, dass man als „Weißer Mensch“ alles weiß.
Was war das erste Projekt?
Die Renovierung eines Kindergartens, der nach 10 Jahren immer noch wie eine Baustelle aussah
Auf welche Entscheidung bist du besonders stolz?
Ich bin stolz darauf, dass ich ganz alleine nach Ghana gereist bin und dort im Dorf mit zu leben.
Gab es Situationen, in denen du gezweifelt hast?
Es gab Momente, in denen ich mich gefragt habe, warum ich das alles auf mich nehme. Ich musste mir Urlaub nehmen (der nicht zum erholen war), alles selbst finanzieren und ganz alleine in das Dorf reisen.
Wie gehst du mit Widerständen um?
Wenn für eine Leistung (z.B. Handwerker) keine Rechnung da ist zum Nachweis von Förderungen oder ein lang geplanter Transport spontan ausfällt oder auch wenn ich alleine zum verabredeten Zeitpunkt warte und niemand da ist, ist das sehr frustrierend. Ich musste erst lernen, dass in diesem Land die Prioritäten andere sind und man kommt, wenn man fertig ist mit seinen Aufgaben für den Tag. Wichtig ist das Verständnis für eine andere Lebenseinstellung und Kultur.
Was gibt dir in schwierigen Momenten Kraft?
Die große Dankbarkeit und herzliche Gastfreundschaft der Menschen vor Ort.
Natürlich auch mein Partner, der mir Rückhalt gibt und auch mal einen Flug verschiebt oder etwas anderes organisiert werden muss.
Was macht dich glücklich?
Eine Butterbreze 😊 – einfach leckeres Essen zu bekommen, wann immer ich es möchte. In Ghana wird das gegessen, was gerade verfügbar ist.
Genauso wie ich mich jedes Mal freue wieder gesund nach Hause zu kommen.
Was sollte sich gesellschaftlich noch verändern?
Eine höhere Anerkennung und Wertschätzung der Frauen – sie leisten harte körperliche Arbeit, generieren Einkommen, erziehen bis zu 7 Kinder und kümmern sich um die Versorgung der Familie.
Fühlst du dich als Vorbild?
Ein bisschen. Ich habe das alles durchgezogen – alleine in ein unbekanntes Land und dessen Kultur zu reisen, dort mit allen Konsequenzen im Dorf leben, den Verein zu gründen und immer weiterzumachen.
Wenn du deinem jüngeren Ich etwas sagen könntest – was wäre das?
Achtsamer durchs Leben zu gehen, 2x hinzuschauen und Verständnis für andere zu haben und vorurteilsfrei und offen anderen Situationen gegenüber zu sein.
Wie hat sich deine Sicht aufs Leben verändert?
HEUTE ist wichtig (z.B. heute gibt es Tomaten und man nutzt sie – was es morgen geben wird, weiß man nicht).
Ich bin dankbarer geworden für alles was wir hier ganz selbstverständlich haben.
Welche Botschaft würdest du anderen Frauen mit auf ihren Weg geben?
„Change the world a little bit“ - Wenn jeder ein bisschen etwas macht, ist es in Summe sehr viel.
Anmerkung der Redaktion:
Petra bekam zu ihrer Krönung einen handgefertigten „Stool“, auf dem nur SIE sitzen darf und zusätzlich eine kleinere Version um ihn mit nach Hause zu nehmen. Als Königin hat sie, bei offiziellen Treffen, spezielle Regeln: Sie darf nicht barfuß laufen, nicht in der Öffentlichkeit essen, nicht selbst die Tasche tragen und nur über einen Linguisten mit anderen sprechen. Es wird sehr darauf geachtet, dass es ihr gut geht.

