Stärke, die leise wirkt
Interview mit Petra Böck weiter unten.
Stärke zeigt sich nicht immer im Mittelpunkt. Oft liegt sie gerade darin, im Hintergrund zu wirken, Verantwortung zu tragen, verlässlich an der Seite der Menschen zu stehen, die einem wichtig sind, und ihnen den Rücken freizuhalten. Genau das beschreibt meinen Weg.
Mein Mann Christoph und ich kennen uns seit über 40 Jahren. Sein politisches Engagement war für ihn nie nur eine Phase, sondern immer ein wichtiger Teil seines Lebens. Als 2006 die Frage aufkam, ob er für das Amt des Bürgermeisters kandidieren sollte, stand unsere Familie gerade an einem besonderen Punkt: Unser Sohn Fabian war ein Jahr alt, unsere Tochter Julia unterwegs. Natürlich brachte mich diese Entscheidung ins Nachdenken – auch weil mir damals noch nicht klar war, wie sehr sich unser Familienleben verändern würde.
Mit der Kandidatur 2007 und der Wahl 2008 zum Dritten Bürgermeister rückte unsere Familie stärker in die Öffentlichkeit. Die Zahl der Termine wurde größer, viele Abende verbrachte ich allein mit den Kindern. Gleichzeitig hatten wir das große Glück, dass beide Großeltern vor Ort lebten und uns liebevoll unterstützten. Spätestens mit der Wahl zum Ersten Bürgermeister 2013 wurde diese Unterstützung noch wichtiger. Sie ermöglichte es mir auch, meinen Mann gelegentlich zu Veranstaltungen zu begleiten. Rückblickend war diese Zeit für alle bereichernd – für die Großeltern ebenso wie für unsere Kinder.
Ich selbst bin in Unterschleißheim aufgewachsen, habe dort die Schule besucht, später in München Pharmazie studiert und arbeite seit über 25 Jahren in der Apotheke am Maxfeld. Dadurch kannte ich schon immer viele Menschen persönlich. Dennoch verändert sich die Wahrnehmung, wenn man plötzlich als „Bürgermeistergattin“ in der Öffentlichkeit steht. Für mich als eher ruhigen und zurückhaltenden Menschen war das anfangs eine große Herausforderung.
Viele Menschen erkennen einen, sprechen einen an – beim Einkaufen, in der Arbeit oder beim Sport. Oft wissen sie genau, wer man ist, während man selbst nicht sofort einordnen kann, woher man sich kennt. Dennoch begegnen sie einem offen und freundlich, möchten ins Gespräch kommen und einen kennenlernen. Mit der Zeit wird man dabei nicht nur als Ehefrau des Bürgermeisters wahrgenommen, sondern auch als eigenständige Persönlichkeit.
Besonders schätze ich das Vertrauen, das mir viele Menschen entgegenbringen. Oft erzählen sie von ihren Anliegen, Sorgen oder persönlichen Gedanken. Ich empfinde das als etwas sehr Wertvolles und sehe darin auch eine große menschliche Verantwortung. Genau darin liegen für mich die schönen Seiten dieser Rolle.
Gleichzeitig lag ein großer Teil unseres Familienalltags in meiner Verantwortung: Kinder, Schule und Freizeitaktivitäten organisieren, meinen Beruf in Teilzeit weiterzuführen – was mir persönlich immer sehr wichtig war –, später auch die Pflege der eigenen Eltern und dabei sich selbst nicht aus dem Blick zu verlieren. Gerade in schwierigen Zeiten, bei Krankheit oder persönlichen Verlusten, wird oft erwartet, nach außen hin freundlich und offen zu bleiben.
Ein besonders wichtiger Ausgleich sind für mich Freundschaften, auch wenn dafür oft nicht viel Zeit bleibt. Menschen außerhalb des Bürgermeisteramtes zu haben, mit denen ich offen reden, mich austauschen oder auch einfach einmal feiern kann, bedeutet mir sehr viel. Bei ihnen kann ich einfach ich selbst sein – ohne Erwartungen, ohne öffentliche Rolle. Gerade diese vertrauten Beziehungen geben Halt, Kraft und Normalität im Alltag.
Als Familie, aber auch als Paar, versuchen wir bewusst, gemeinsame Zeit zu schaffen. Gerade in einem oft hektischen Alltag mit vielen Verpflichtungen ist es wichtig, Momente nur für uns zu haben – zum Reden, Kraftschöpfen und einfach zum Zusammensein. Dazu gehören gemeinsame Laufrunden rund um den Hollerner See oder ein schöner Abend zu zweit beim Essen. Fest eingeplant sind bis heute gemeinsame Tage mit Kindern und Freunden in Südtirol – beim Skifahren, Wandern und Entspannen.
Rückblickend bin ich dankbar für unseren gemeinsamen Weg. Wir haben die Herausforderungen als Familie gemeistert und sind daran gewachsen. Deshalb fiel es mir auch 2020 und 2026 nicht schwer, erneut „Ja“ zu sagen, als die Frage nach einer weiteren Kandidatur meines Mannes für das Bürgermeisteramt aufkam. Er übt dieses Amt mit großer Leidenschaft aus und kann viel Positives für Unterschleißheim bewirken – und dabei unterstütze ich ihn gerne.
Ich selbst würde mich dennoch nicht als „starke Frau“ bezeichnen. Ich glaube vielmehr, dass ich – wie viele andere Frauen auch – jeden Tag versuche, Familie und Beruf mit Liebe und Engagement zu tragen.
Denn Stärke zeigt sich nicht nur im Rampenlicht. Sie zeigt sich im Alltag, in Verlässlichkeit, im Zusammenhalt und im stillen Mittragen von Verantwortung.
Interview mit Petra
Stell dich bitte kurz vor
Petra Böck, ich bin 56 Jahre alt und lebe in Unterschleißheim.
Was bedeutet „Stärke“ für dich ganz persönlich?
Stärke bedeutet für mich, auch besondere, herausfordernde Situationen erfolgreich zu meistern.
Was sollten wir über deine Geschichte/Leben wissen?
Durch das Amt meines Mannes bin auch ich Teil des öffentlichen Lebens geworden.
Gab es einen Moment in deinem Leben, der deine Richtung/Einstellung grundlegend verändert hat?
Ein besonderer Moment war die Frage meines Mannes, ob ich mir vorstellen könnte, dass er als Bürgermeister kandidiert. Damals war mir nicht bewusst, wie sehr diese Entscheidung unser Leben verändern würde.
Auf welche Entscheidung bist du besonders stolz?
Darauf, dass ich ja gesagt habe, ohne zu wissen, was alles auf uns zukommen würde.
Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: „Ich habe mehr Kraft, als ich dachte“?
Als ich die vielen Veränderungen angenommen und meinen Platz in der neuen Situation gefunden habe.
Welche Hürde hat dich am meisten wachsen lassen?
Die Umstellung und Neuorganisation unseres bisher geregelten Alltags.
Gab es Situationen, die besonders herausfordernd waren?
Die größte Herausforderung zu Beginn war für mich, plötzlich stärker in der Öffentlichkeit zu stehen. Dinge, die zuvor ganz selbstverständlich waren, wurden auf einmal wahrgenommen oder beobachtet. Diese neue Rolle und die damit verbundene Aufmerksamkeit haben etwas Zeit gebraucht, bis sie sich normal angefühlt haben.
Wie gehst du mit Rückschlägen oder Widerständen um?
Anfangs habe ich mir vieles sehr zu Herzen genommen. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass nicht jede Kritik etwas über mich aussagt und das Fehler zum Leben dazugehören.
Was gibt dir in schwierigen Zeiten Kraft?
Meine Familie und meine Freunde.
Gibt es Rituale oder Gewohnheiten, die dir helfen?
Bewusste Auszeiten mit meiner Familie oder meinem Mann allein.
Was sollte sich gesellschaftlich noch verändern?
Ich wünsche mir mehr Wertschätzung für die Arbeit, die oft selbstverständlich erscheint – sei es in Familie, im Beruf oder im Ehrenamt.
Welche Unterstützung ist für Frauen besonders wichtig?
Ein verlässliches soziales Netzwerk zu haben.
Hast du durch deine Position besondere Möglichkeiten andere Frauen zu unterstützen?
Ich kann zuhören, vernetzen und Anliegen weitertragen.
Fühlst du dich als Vorbild? Warum oder warum nicht?
Ich selbst würde mich nicht als Vorbild oder „starke Frau“ bezeichnen. Ich versuche einfach Familie und Beruf mit Engagement und Verantwortung zu vereinbaren – so wie viele andere Frauen auch.
Was macht dich heute glücklicher als früher?
Gemeinsame Zeit mit den Menschen, die mir wichtig sind.
Welche Botschaft würdest du anderen Frauen mit auf ihren Weg geben?
Mein Rat wäre, vergleicht euch nicht ständig mit anderen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg und seine eigene Art stark zu sein.
