Dirndlschaft Aggaschnoin e.V.
Unterschleißheim

Zwischen Kanzel und Familie

Mirjam Pfeiffer - Zwischen Kanzel und Familie

Interview mit Mirjam Pfeiffer weiter unten.

Ich arbeite als Pfarrerin in einem Beruf, der zwar zunehmend weiblicher wird, in vielen Köpfen aber noch immer männlich geprägt ist. Das liegt sicher auch daran, dass es auf katholischer Seite bis heute nur Männer im Priesteramt gibt. In der bayerischen Landeskirche gibt es seit ziemlich genau 50 Jahren Pfarrerinnen. In diesem Jahr wurde das Jubiläum der ersten Frauenordination mit einem großen Festakt gefeiert.

Auf den Leitungsebenen der Kirche sieht es für Frauen allerdings noch immer recht dünn aus. Zwar bewegt sich inzwischen etwas, doch die Veränderungen kommen nur langsam voran. Hier in Unterschleißheim bekomme ich es eher selten zu spüren, dass es noch etwas Besonderes sein soll, wenn eine Frau auf der Kanzel steht. Nachdem mit Frau Kittlaus über dreißig Jahre lang eine Pfarrerin an der Spitze der Gemeinde stand, hat man sich hier längst daran gewöhnt. Sie gehört zu jener ersten Generation von Frauen, die sich ihren Platz in diesem Beruf hart erkämpfen mussten und damit den Weg für viele von uns geebnet haben.

Trotzdem begegnen mir auch heute noch Menschen, die der Meinung sind, dass eine Frau im Pfarrberuf nichts verloren habe. Manchmal wird nach „dem Pfarrer“ verlangt, obwohl ich direkt vor ihnen stehe. Solche Momente zeigen mir, dass traditionelle Vorstellungen noch nicht überall überwunden sind.

Mein eigener Weg in den Pfarrberuf war nicht geradlinig. Nach dem Abitur wurde ich zunächst Finanzbeamtin und arbeitete als Betriebsprüferin. Parallel zu meiner Berufstätigkeit begann ich, Theologie zu studieren. Nach den ersten sechs Semestern traf ich eine wichtige Entscheidung: Ich kündigte meinen Beruf und widmete mich ganz dem Studium.

Heute bin ich Vollzeit- und auch Vollblutpfarrerin. Ich denke, das muss man in diesem Beruf auch sein. Unsere Regelarbeitszeit liegt bei 48 Wochenstunden. Das Schöne ist, dass ich den Großteil dieser Zeit mit Aufgaben verbringe, die mir Freude machen und die ich als sehr erfüllend empfinde. Gleichzeitig fordert mich dieser Beruf natürlich auch heraus.

Neben meiner Arbeit bin ich Mutter von zwei Töchtern im Alter von sieben und zehn Jahren. Da bleibt oft nicht mehr viel Freiraum. Beruf und Familie miteinander in Einklang zu bringen, ist nicht immer leicht. Aber diese Herausforderung kennen vermutlich viele Frauen.

Wenn ich auf meinen Weg zurückblicke, sehe ich viele Entscheidungen, die Mut erfordert haben: den Wechsel in einen völlig neuen Beruf, das Studium neben dem Job und die Verantwortung, die ich heute trage. Ich bin dankbar, einen Beruf gefunden zu haben, der mich erfüllt, und gleichzeitig Teil einer Generation von Frauen zu sein, die selbstverständlich ihren Platz auf der Kanzel einnimmt – auch wenn dieser Platz noch immer nicht überall als selbstverständlich angesehen wird.

Interview mit Mirjam

Stell dich bitte kurz vor
Mirjam Pfeiffer, 43 aus München und seit 7 Jahren in Unterschleißheim

Was bedeutet „Stärke“ für dich ganz persönlich?
Zu sich selbst und seinen Schwächen zu stehen und seine eigenen und die Grenzen von anderen anzuerkennen.

Was sollten wir über deine Geschichte/Leben wissen?
Dass es sich lohnt neue Wege zu gehen.

Wie hat dein Umfeld reagiert, als du dich für diesen Weg entschieden hast?
Von absolutem Unverständnis bis hin zur Freude darüber, dass ich meinen Weg gefunden habe.

Gab es einen Moment in deinem Leben, der deine Richtung/Einstellung grundlegend verändert hat?
Als mir bewusstwurde, dass ich einen Beruf brauche, der mich mit Sinn erfüllt.

Auf welche Entscheidung bist du besonders stolz?
Das Vollzeitstudium trotzt 50% Arbeit im Finanzamt durchzuziehen und die Entscheidung, dass ich Vollzeit arbeite und mein Mann Teilzeit arbeitet.

Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: „Ich habe mehr Kraft, als ich dachte“?
Ich merke oft eher rückblickend, wieviel Kraft mich manche Situationen gekostet haben, wenn ich z.B. die vakante Stelle der Kollegin mitgetragen habe oder ein Kind beerdigen musste.

Welche Erfahrungen aus deiner Kindheit oder Jugend prägen dich bis heute?
Ich war immer schon gerne aktiv in der evangelischen Kirche in der mir viel Vertrauen entgegengebracht wurde und ich bereits in jungen Jahren Verantwortung übernehmen durfte.

Gab es Vorbilder, die dir gezeigt haben, was möglich ist?
Nein, da es leider kaum Pfarrerinnen in meinem Umfeld gab.

Welche Hürde hat dich am meisten wachsen lassen?
Meiner damaligen Chefin im Finanzamt zu sagen, dass ich einen anderen Weg einschlagen möchte. Entgegen meiner Befürchtung hat sie äußerst positiv reagiert und mich unterstützt.

Wann musstest du in deinem Leben besonders mutig sein?
Als ich einen Konfirmanden beerdigen musste, als ich noch Vikarin (Ausbildung) war.

Wie gehst du mit Rückschlägen/Widerständen um?
Grundsätzlich gehe ich Dinge sehr pragmatisch an und versuche immer das Beste aus der Situation zu machen. Zusätzlich hinterfrage ich, was die eigentliche Ursache hinter dem Widerstand ist, damit ich konstruktiv damit umgehen kann.

Wie ist es, in einem männerdominierten Beruf zu arbeiten?
Während bei meinen männlichen Kollegen das Aussehen keine Rolle spielt, wird es bei mir öfter thematisiert.

Was gibt dir in schwierigen Zeiten Kraft?
Die Gewissheit einen sinnstiftenden Beruf auszuüben und mein Gottvertrauen an andere Menschen weitergeben zu können.

Gibt es Rituale oder Gewohnheiten, die dir helfen?
Feierabend ohne schlechtes Gewissen zu machen, obwohl noch nicht alles erledigt ist.

Was sollte sich gesellschaftlich noch verändern?
Das Bewusstsein für geschlechterbedingte Rollenzuschreibungen und strukturelle Ungerechtigkeiten muss noch viel größer werden.

Hast du das Gefühl, dass dein Frausein deinen Weg erleichtert oder erschwert hat?
Oft wird sich nur darüber gefreut, dass ich als Frau am Altar stehe, anstatt die Qualität meiner Arbeit zu sehen.

Fühlst du dich als Vorbild?
Für meine Töchter. Weil ich ihnen zeige, dass man sich auch als Frau dafür entscheiden kann seinen Beruf so auszuüben, wie man möchte und dennoch Mutter sein kann, die für ihre Kinder da ist.

Wenn du deinem jüngeren Ich etwas sagen könntest – was wäre das?
Du wirst deinen Weg finden und gehen.

Was macht dich heute glücklicher als früher?
Einfach mal die Beine hochlegen können.

Welche Botschaft würdest du anderen Frauen mit auf ihren Weg geben?
Habt den Mut die Erwartungen an euch zu hinterfragen und die anzupassen bei denen es nötig ist.