Zwischen Anpassung und Aufbruch
Interview mit Brigitte Hecker weiter unten.
Mein Name ist Brigitte Hecker. Mittlerweile bin ich 70 Jahre alt. Aufgewachsen bin ich in Magdeburg. Also in der DDR.
Meine Mama war ein durch und durch unpolitischer Mensch. Sie wollte um keinen Preis auffallen. Mein Papa dagegen ein treues SED-Mitglied. Allerdings wurde er wegen seiner „falschen“ Ansichten aus der Partei ausgeschlossen.
Das alles ging natürlich als Kind an mir vorbei. Ich war 10 Jahre alt, als wir 1965 unseren ersten Fernseher hatten. Von da an öffneten sich Welten, die mir bis dahin nicht wirklich bewusst waren. Als Kinder sahen wir natürlich eher unpolitische Sendungen. Trotzdem fing jetzt der Spagat zwischen daheim und Schule an. Denn in der Schule durfte ja nicht ausgeplaudert werden, dass daheim Westfernsehen geschaut wurde. Wir wurden zum Lügen erzogen.
Als meine Mitschüler und ich älter wurden, begannen wir natürlich Fragen zu stellen. Darauf bekamen wir keine oder nur sehr unzulängliche Antworten von unseren Lehrern. Das ging so weit, dass einige von uns nach der 8. Klasse, trotz guter schulischer Leistungen, nicht auf die Erweiterte Oberschule (hier Gymnasium) gehen durften. Eine Begründung gab es natürlich nicht.
Für mich folgte nach der 10. Klasse die Berufsausbildung. Eine Notlösung, denn eigentlich war mein Traumberuf Lehrerin. Ging aber nicht. Ohne Abitur kein Studium.
Mit Anfang 20 lernte ich meinen späteren Mann kennen. Irgendwann merkten wir, dass wir beide sehr unzufrieden waren. Wir wollten reisen, die Welt sehen. Wir kannten große Teile unserer Familien nicht. Teile meiner Familie lebten im Ruhrgebiet, Teile der Familie meines Mannes in Österreich. Die besuchten ab und an uns, umgekehrt war das unmöglich.
Als dann mal wieder ein Urlaub anstand, beantragten wir Visa für Ungarn, denn auch in die so genannten Bruderländer durfte man ja nicht einfach so fahren. Die Visa wurden uns ohne Angabe von Gründen verweigert. Von da an wuchs der Gedanke an eine Ausreise aus der DDR immer mehr.
1982 kam unsere Tochter Anne zur Welt. Mir wurde klar, dass mein Kind anders aufwachsen sollte. Sie sollte nicht von mir als Mama zum Lügen gegenüber anderen Menschen erzogen werden, weil zu Hause über Dinge geredet wurde, die man nicht laut aussprechen durfte. Wir beschlossen die DDR zu verlassen.
Unseren ersten Ausreiseantrag nach Österreich stellten wir im Januar 1983. Aus Angst vor Repressionen waren wir immer in Kontakt mit unserem Cousin in Österreich. Er war für Amnesty International tätig. Außerdem wurden wir von der Österreichischen Botschaft unterstützt. Wir wurden auf eine Liste mit Ausreisewilligen gesetzt, die bei einem Staatsbesuch an Herrn Honnecker übergeben wurde.
Ein paar Tage nach dem ersten Antrag wurde mein Mann ohne Angabe von Gründen vom Abteilungsleiter zum einfachen Mitarbeiter degradiert. Wir bekamen keinen Kitaplatz. Als einzige im ganzen Viertel. Dadurch konnte ich nicht arbeiten.
Der erste Ausreiseantrag wurde erwartungsgemäß abgelehnt. Natürlich ohne Begründung. Es folgte unser zweiter Antrag – abgelehnt. Wir stellten sofort den dritten Antrag. In den nächsten 3 ½ Jahren saßen wir praktisch auf gepackten Koffern, denn wir wussten nicht, wann es soweit sein würde, dass wir das Land verlassen würden. Oder ob überhaupt.
Unserem dritten Antrag wurde schließlich stattgegeben. Wir wurden aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen. Nun waren wir staatenlos. Im September 1986 war es dann endlich soweit. Wir reisten in die Bundesrepublik aus.
Wir kamen über die Aufnahmeeinrichtung in Gießen, wo wir erstmal neue Papiere erhielten, in ein Übergangswohnheim in Burgkirchen. Kurz vor Weihnachten bekamen wir eine Wohnung in Garching.
Es war uns egal, dass wir anfangs am Boden schliefen, dass wir uns ein Tischtuch am Boden ausbreiteten, um dort zu essen. Für unsere Tochter, sie war inzwischen 4 Jahre alt, war es ein Heidenspaß.
Es war unser erstes Weihnachtsfest in Freiheit. Ohne Eltern, ohne Geschwister, ohne Freunde. Aber frei. In der Situation merkte ich, wie unwichtig materielle Dinge sind.
Rückblickend kann ich nur immer wieder zu mir sagen – alles richtig gemacht.
Interview mit Brigitte
Stellen Sie sich bitte kurz vor
Brigitte Hecker, 70 Jahre alt, aus Magdeburg und seit Dezember 1986 erst in Garching und seit Juli 2005 in Unterschleißheim
Was bedeutet „Stärke“ für Sie ganz persönlich?
Was Stärke für einen selbst bedeutet, ändert sich im Laufe des Lebens situationsbedingt immer wieder mal. Im Allgemeinen bedeutet Stärke für mich, bei mir zu bleiben.
Gab es einen Moment in Ihrem Leben, der Ihre Richtung/Einstellung grundlegend verändert hat?
Es gab tatsächlich einen Moment. Aus heutiger Sicht klingt das vielleicht lächerlich, aber für mich und meine Freundin war das so wichtig. Wir saßen im Sommer 1969 – also im Alter von 14 Jahren – vor dem Fernseher und sahen einen Bericht über Woodstock – die Älteren unter uns erinnern sich. In dem Moment wussten wir, dass wir solche oder ähnliche Ereignisse nie vor Ort erleben würden - frühestens im Rentenalter. Von da an gingen zumindest schon mal die Gedanken auf Reisen.
Auf welche Entscheidung sind Sie besonders stolz?
Die beste Entscheidung meines Lebens war die Entscheidung für meine Tochter. Unser erster Ausreiseantrag und meine Schwangerschaft lagen sehr nah beieinander. Fast mein ganzes Umfeld war der Meinung, ich könnte in der Situation kein Kind bekommen. Doch ich wollte und ich konnte…
Mussten Sie schon einmal ganz von vorne anfangen?
Erst nach der Ausreise aus der DDR.
Gab es einen Moment, an dem Sie gemerkt haben: „Ich habe mehr Kraft, als ich dachte“?
Diesen einen Moment gab es tatsächlich nicht. Ich war rückblickend auf mein Leben schon immer jemand – zumindest als Erwachsene – die sich entscheidende Schritte für das weitere Leben gut überlegt hat.
Als ich in diesem ganzen Prozess der Entscheidung über den Ausreiseantrag bis zur Ausreise aus der DDR drin war, musste ich handeln. Das Nachdenken kam erst später. Erst als wir unsere neuen Papiere in der Bundesrepublik in der Hand hielten und als wir dann nach nur 3 Monaten unsere neue Wohnung in Garching bezogen, konnte ich darüber nachdenken, dass ab jetzt unser neues lang ersehntes Leben losgehen konnte.
Und es ist tatsächlich so, dass ich jetzt, wo ich das alles aufschreibe, darüber nachdenke, wieviel Kraft ich tatsächlich habe.
Welche Erfahrungen aus Ihrer Kindheit oder Jugend prägen Sie bis heute?
Die einschneidendste Erfahrung ist sicherlich der Tod meines Vaters. Mein Bruder war 12 und ich 9 Jahre alt.
Wann mussten Sie in Ihrem Leben besonders mutig sein?
Um ehrlich zu sein, halte ich mich nicht für besonders mutig. Ich weiß halt einfach, was ich will und was ich nicht will.
Gab es Situationen, in denen Sie an sich gezweifelt haben bzw. fast aufgegeben hätten?
Es gab natürlich Situationen, in denen ich nachdenklich wurde. Was passiert, wenn man uns nicht gehen lässt etc. Aber Zweifel an der Entscheidung oder Gedanken ans Aufgeben kamen nie.
Wie gehen Sie mit Rückschlägen/Widerständen um?
Ich suche einfach nach Lösungen. Besondere Strategien habe ich nicht.
Haben Sie das Gefühl, sich besonders behaupten zu müssen?
Ich habe einen älteren Bruder. Der war mir immer schon körperlich aber auch geistig – das muss ich einfach neidlos anerkennen – überlegen. Also ja – ich musste mich schon früh behaupten. (Das nur mit einem kleinen Augenzwinkern.)
Behaupten muss man sich sicher ein Leben lang. Aber, dass ich mich besonders behaupten müsste – nein, das Gefühl hatte ich nie.
Hatten Sie Angst vor den Konsequenzen Ihres Ausreiseantrags?
Manchmal. Wir hatten Leute kennengelernt, die nach 7 Jahren des Wartens auf die Ausreise aufgegeben hatten. Die kriegten keinen Fuß mehr auf den Boden. Da nützte kein Medizinstudium etwas. Viel wichtiger war in der DDR eine politisch einwandfreie Weste. Jeder, der nichts sagte, war besser dran als jemand der sich in irgendeiner Weise negativ äußerte.
Was gibt Ihnen in schwierigen Zeiten Kraft?
Was mir in schwierigen Zeiten Kraft gibt, kann ich gar nicht so genau sagen. Das ist situationsbedingt.
Gibt es Rituale oder Gewohnheiten, die Ihnen helfen?
Bestimmte Rituale habe ich nicht. Ich ziehe mich eher etwas zurück bis ich für mich alles geklärt habe.
Was sollte sich gesellschaftlich noch verändern?
Natürlich gibt es immer noch Probleme, die gesellschaftlich gelöst werden müssen. Z.b. gleicher Lohn für gleiche Arbeit, dann gäbe es nicht mehr so oft die Frage – Wer arbeitet weiter? Wer betreut das Kind?
Andererseits leben viele Eltern ihren Kindern immer noch ein falsches Rollenbild vor. Nach meiner Meinung beginnt gesellschaftliche Veränderung in der Familie.
Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Frausein Ihren Weg erleichtert oder erschwert hat?
Ich habe mich immer als Mensch gesehen, als weiblichen Menschen, aber als Menschen. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich es als Mann leichter gehabt hätte. Wahrscheinlich wären es einfach andere Probleme gewesen.
Fühlen Sie sich als Vorbild? Warum oder warum nicht?
Ich fühle mich nicht als Vorbild. Wir haben seinerzeit etwas für uns getan, weil es für uns keine Alternative gab.
Unsere Geschichte verstehen die nach 1990 Geborenen schon heute gar nicht mehr. Auch weil das Thema deutsche Geschichte in den Schulen sträflich oder gar nicht behandelt wird.
Wenn Sie ihrem jüngeren Ich etwas sagen könnten – was wäre das?
Mit den Erfahrungen von heute würde ich sagen – mach es, es gibt keine Alternative. Wenn Du morgen noch in den Spiegel schauen möchtest, musst Du es tun. Alles andere wäre eine Lüge.
Was macht Sie heute glücklicher als früher?
Gesellschaftlich: Ich komme gerade von einem Urlaub aus Wismar zurück. Das liegt ja in der ehemaligen DDR. Letztes Jahr war ich in Urlaub auf Madeira. Ohne den Fall der Mauer hätte es nur einen dieser Urlaube gegeben.
Persönlich: Ich habe eine Tochter, mit der ich mich gut verstehe. Wir sind immer füreinander da und kümmern uns umeinander. Ich habe einen stabilen Freundeskreis. Ich bin einigermaßen gesund. Mehr muss ich – denke ich – nicht sagen.
Welche Botschaft würden Sie anderen Frauen mit auf ihren Weg geben?
Ich bin keine Freundin davon, anderen pauschal etwas zu raten.
Nur so viel: Wenn eine Frau nach gründlicher Überlegung eine Vorstellung von ihrer Zukunft hat, sollte sie an der Verwirklichung dieser Vorstellung arbeiten. Jeden, der sie dabei unterstützt, mitnehmen, jeden der sie ausbremst…
Würden Sie diesen Weg wieder gehen?
Ja – ohne Wenn und Aber. Denn dass es 1990 die Widervereinigung geben würde, war in den Jahren zuvor nicht absehbar.
