Dirndlschaft Aggaschnoin e.V.
Unterschleißheim

Ein Sommer nur für mich

Andrea Kaltenbach - Ein Sommer nur für mich

Interview mit Andrea Kaltenbach weiter unten

Finnventurer: Ein Traum, der wahr wurde und mir gezeigt hat, dass man sich mehr zutrauen kann als man manchmal denkt.

Vor mehr als drei Jahren begann ein Traum: ein Sommer in Finnland, nur für mich. Ich plante, las, organisierte, zweifelte – und irgendwann traf ich die Entscheidung: Ich tue es.

Im Sommer 2025 machte ich mich allein auf den Weg. Mit meinem Camper fuhr ich nach Finnland und startete dort zuerst alleine zu einer dreiwöchigen Radtour durch das Land der tausend Seen. Danach verbrachte ich weitere vier Wochen mit meiner jüngsten Tochter im Camper, bis zum Eismeer und wieder zurück nach Hause.

Die drei Wochen mit dem Fahrrad wollte ich ganz bewusst alleine erleben.

Alleine loszugehen klingt für manche nach Freiheit, für andere nach Einsamkeit. Für mich war es beides. Und genau darum ging es.

Ich hatte lange darüber nachgedacht, warum ich diese Reise ohne Begleitung antreten wollte. Warum ich mich bewusst dafür entschied, drei Wochen lang nur mit mir selbst unterwegs zu sein – keine vertraute Stimme an meiner Seite, kein geteiltes Lachen am Lagerfeuer, niemand, der hilft, wenn das Zelt im Regen nicht stehen will.
Aber genau das war der Punkt. Ich wollte lernen, auf mich selbst zu hören. Meinen eigenen Rhythmus zu finden. Ich wollte pausieren, wenn ich müde war, weiterfahren, wenn es sich gut anfühlte. Ich wollte essen, was und wann ich wollte – nicht diskutieren, planen oder abstimmen. Ich wollte meine Entscheidungen selbst treffen, auch wenn sie sich später vielleicht als falsch herausstellen würden. Der Alltag in der Familie bedeutet viele Kompromisse einzugehen und auch oft das Zurückstecken eigener Bedürfnisse, wenn die der Anderen gerade wichtiger sind. Mal wieder Zeit nur für mich, war ein Luxus, für den ich sehr dankbar bin.
Es ging mir nicht darum, niemanden zu brauchen. Es ging darum, mich selbst zu brauchen.
Natürlich gab es auch die andere Seite. Momente, in denen ich mir wünschte, jemand wäre da. Wenn die Sonne in einem See versank und ich allein staunend am Ufer stand – und niemand da war, um das Staunen zu teilen. Wenn Zweifel kamen, wenn ich erschöpft war oder mich verfuhr – und ich mir nichts mehr wünschte als eine vertraute Hand, ein „Alles gut“ oder ein Lächeln.

Doch genau das machte diese Reise für mich so wertvoll. Sie war eine Herausforderung – körperlich, emotional und mental. Und sie war meine Entscheidung. Vielleicht war sie auch ein kleines Abenteuer gegen die Rastlosigkeit des Alltags, gegen das „Funktionieren-Müssen“, gegen all das Planbare.
Ich reiste alleine, weil ich neu erleben wollte, wie es war, allein zu sein – nicht einsam, sondern bei mir. Weil ich wissen wollte, was passierte, wenn niemand da war, der mir sagte, was ich tun sollte. Weil ich glaubte, dass genau in dieser Stille etwas auf mich wartete: Klarheit. Kraft. Und vielleicht ein Stück mehr Ich.
Dabei war ich nie wirklich von der Welt abgeschnitten. Ich konnte meine Lieben jederzeit erreichen – und sie mich. Ich konnte Fotos schicken, kleine Momente teilen und nachfragen, wenn ich unsicher war. Meine Familie gönnte mir diese Zeit und ich wusste, dass sie alles im Griff hatte. Ich musste mir keine Sorgen machen, und das gab mir Ruhe.

Für mich war es auch gut, einmal loszulassen. Im Alltag hatte ich oft das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein und alles regeln zu müssen. Dieses Gefühl kennen alle Eltern, ganz oft vor allem die Mütter. Vielleicht tat es auch meiner Familie gut, die Dinge einmal anders zu machen, als ich sie normalerweise geplant hätte.

Auch meine Arbeitsstelle unterstützte mich dabei. Sieben Wochen lang war ich nicht da, und meine Kolleginnen übernahmen die Aufgaben, die sonst bei mir lagen. Es fühlte sich gut an zu wissen, dass ich diesen Freiraum hatte – und dass das völlig in Ordnung war.

So konnte ich mich voll auf mich konzentrieren. Einfach mal nur ich. Kein „Müssen“, kein „Sollen“. Nur schauen, wie es mir ging, was ich brauchte und was ich erleben wollte.
Natürlich hatte ich Respekt vor der Reise. Vor der Einsamkeit, vor dem Wetter, vor langen Tagen im Sattel und vor der Frage, ob ich mir vielleicht zu viel vorgenommen hatte. Aber genau deshalb wollte ich es versuchen.
Vorab bin ich ein paar Mal mit dem Fahrrad größere Runden in der Umgebung gefahren, aber nie mit Gepäck. Ich hatte den Gedanken, dass wenn ich zu sehr trainiere und merke wie anstrengend es sein kann, dann mache ich es vielleicht nicht. Also habe ich es auf mich zukommen lassen. Ein paar kleine Veränderungen am Fahrrad, wie ein neuer Sattel, Gepäcktaschen und neue Lenkergriffe, haben für mein Vorhaben gereicht.

Ich bin täglich im Schnitt 60 Kilometer gefahren, habe 7 Nächte im Zelt in der Natur und 7 Nächte auf Campingplätzen geschlafen und 7x habe ich mir den Luxus einer Pension gegönnt.
Wegen der extremen Hitze – ja, in Finnland kann auch richtig Sommer sein – bin ich oft in der Früh um 6.00 Uhr gestartet und war dann mittags bereits an meinem Ziel. Langeweile alleine hatte ich nicht, es war schön auch einfach mal nur dazusitzen und nichts zu tun, eine Runde im See zu schwimmen, auf dem Gaskocher etwas zu Essen zu kochen, mein Buch mehrmals zu lesen.

Die Reise war kein Abenteuer der Extreme, sondern eine Reise für mich selbst.
Es gab wunderschöne Momente: stille Seen, endlose Wälder, Sommerregen, Mitternachtssonne und das Gefühl grenzenloser Freiheit. Es gab aber auch Tage mit Gegenwind, Erschöpfung und Mückenangriffen. Doch jedes Mal ging es weiter. Nicht, weil ich besonders mutig oder außergewöhnlich war, sondern weil ich lernte, mir selbst zu vertrauen und weil ich ein Ziel vor Augen hatte. Ich wollte mit dem Fahrrad den Polarkreis überqueren und den Weihnachtsmann besuchen.

Ich habe auf meinem Weg auch eine Etappe mit dem Zug abgekürzt und sehe das nicht als Niederlage, sondern als meine Entscheidung, die in diesem Moment genauso gepasst hat.
Am Ende wurden aus dem Traum 51 unvergessliche Tage. 763 Kilometer mit dem Fahrrad durch Finnland, 250 Kilometer zu Fuß und 8.100 Kilometer mit dem Camper. Aus der Soloreise wurde später ein gemeinsames Abenteuer mit meiner Tochter.

Mein Traum wurde wahr und hat mir gezeigt, dass man sich oft mehr zutrauen kann, als man denkt. Dabei habe ich gelernt, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, etwas trotzdem zu tun.
Ich hatte mich nicht gesucht. Ich wollte einfach los.

Diese Reise veränderte mein Leben nicht grundlegend. Ich erfand mich nicht neu und gewann keine spektakulären Erkenntnisse. Aber sie zeigte mir etwas Wertvolles: Ich kann mehr, als ich mir manchmal zutraue.

Genau das möchte ich weitergeben. Man muss keine Heldin sein, um stark zu sein. Stärke bedeutet nicht, Außergewöhnliches zu leisten. Manchmal reicht es, einen Traum ernst zu nehmen, sich selbst etwas zuzutrauen und den ersten Schritt zu wagen.
Ich bin noch dieselbe Frau wie vorher.
Und doch ein bisschen mehr ich selbst.

Interview mit Andrea

Stell dich bitte kurz vor
Andrea Kaltenbach, Alter 48 aus Thüringen und seit 2005 in Unterschleißheim

Was bedeutet „Stärke“ für dich ganz persönlich?
Für mich bedeutet Stärke, den Mut zu haben, Dinge anzugehen, auch wenn man sie sich zunächst nicht zutraut. Stärke heißt außerdem, durchzuhalten, wenn es schwierig wird, und sich Unterstützung zu holen, wenn man allein nicht weiterkommt, um sein Ziel zu erreichen.

Gab es einen Moment in deinem Leben, der deine Richtung/Einstellung grundlegend verändert hat?
Keinen direkten Moment, aber mit zunehmendem Alter meiner Kinder, wurde der Wunsch nach etwas für mich immer größer.

Auf welche Entscheidung bist du besonders stolz?
Dass ich die Reise ganz allein gemacht habe trotz Bedenken in meinem Umfeld.

Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: „Ich habe mehr Kraft, als ich dachte“?
Jeder Tag war eine Herausforderung und hat mich zugleich motiviert die nächste Etappe anzugehen.

Welche Erfahrungen aus deiner Kindheit oder Jugend prägen dich bis heute?
In meiner Kindheit (in der DDR) war Reisen nicht so möglich, wie ich es mir gewünscht habe. Weshalb ich froh bin das heute ausleben zu können.

Gab es Vorbilder, die dir gezeigt haben, was möglich ist?
Als ich das Buch „Ohrfeige zum Frühstück“ von Mady Host gelesen habe ging mir der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf das auch zu machen.

Wie gehst du mit Rückschlägen/Widerständen um?
Ich versuche gelassen damit umzugehen, wenn ich etwas nicht ändern kann.

Was gibt dir in schwierigen Zeiten Kraft?
Das Wissen, dass es Menschen gibt, die hinter mir stehen.

Fühlst du dich als Vorbild? Warum oder warum nicht?
Nicht als Vorbild in dem Sinn aber als Inspiration seine Träume, egal wie groß, zu verwirklichen.

Was macht dich heute glücklicher als früher?
Absolute Stille genießen zu können.

Welche Botschaft würdest du anderen Frauen mit auf ihren Weg geben?
Man schafft oft mehr als man sich zutraut! Ein Versuch ist es immer wert; wenn es nicht klappt, ist es keine Niederlage, sondern eine Erfahrung.

Würdest du diesen Weg wieder gehen?
Auf jeden Fall, vielleicht keine so lange Radreise, aber dafür mal etwas anderes – vielleicht ein Pilgerweg oder einfach nur Ausflüge für mich allein.